Besuch in Bagdad

von MaryamSamara

Meine Tochter überredete mich heute mit ihr nach Bagdad zu gehen. Nein.. nicht nach Bagdad, sondern zu (?) Bagdad, ein kleiner, arabischer Friseursalon in Neukölln, Schönleinstraße.

Wir betreten den Laden und sofort komme ich mir vor, als wäre ich wirklich in Bagdad (oder wie ich es mir in Bagdad vorstelle).Im Fernseher läuft in der Ecke oben rechts eine ägyptische Seifenopfer, in dem ein schmollendes Mädchen mit Haaren bis über den Hintern, versucht auf hochdramatische Art und Weise zwei dicken Männer auf einer Couch ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die aber nicht zuhören, weil der eine den anderen heimlich von hinten kitzelt, was den anderen immer aufs neue wundert und zum quieken bringt, da dieser natürlich überhaupt keinen blassen Schimmer hat, wer das gewesen sein könnte. Sie scheinen beide eine Reinkarnation von Dick und Doof zu sein, in der jeder der beiden, sowohl Dick und Doof darstellte. Ich frag mich leise, wie viele Sorten Humor es wohl gibt.
Al Muhim… die ägyptische Schönheit bleibt unverstanden, hilflos und wird zunehmend verzweifelter, da ihr immer öfter ihr verflossenen /verstorbenen Mann erscheint, den sie hysterisch anschreit, er möge endlich verschwinden. Nur das Hausmädchen bekommt die Besuche des Geistes- indirekt zwar-mit, denn die Schönheit streitet mir der Luft. Das Hausmädchen zwischen Faszination, Neugier, Entsetzen und dem großen Bemühen nicht zu grinsen, hin und her gerissen: Eh dah? Min dah..bitkallimi ma´Mien?“ [Was ist das? Mir wem sprichst du denn??]
Aber zurück zu Bagdad:
An den Wänden hängen Apparaturen aus den frühen 60, zerzottelte Perücken und Haarteile, die aussehen wie Hundertprozent Polyester, die in eine Kochwäsche geraten sind. Genau daneben Perlenketten, in jeden erdenklichen Farben. An der gegenüberliegenden Wand hängt rechts ein goldenes Bild mit der Aufschrift „Allah“ und links „Muhammad“ und daneben, ohne irgendwelche erkennbaren moralischen Konflikte, überall schief angebrachte Poster von Möchte-gern-Susis mit blondierten und geglätteten Haaren.
Alles ist so billig und bunt und ich wehre mich gegen diese orientalische Reizüberflutung, in dem ich mich nur ganz langsam umschaue. Strikt gerade ausschauend, in der Mitte des Salons auf der „Frauenseite“ mit dem Rücken zur Männerseite sitzend, sehe ich im Spiegel, wie sich der Friseur selbst rasiert- schwache Assoziationen zu Wild-West-Filmen steigen in mir hoch. Fehlt nur noch der Hut.

Das Mädchen im Fernseher tanzt nun über die Straße in einem schicken Channel-für-Araber-Kostüm und singt! Anscheinend habe ich innerhalb der paar Sekunden etwas elementares verpasst. Mist.

Die Friseuse fragt, ob ich die Schwester oder die Mutter sei (Grrr, sie ist die erste, die auf die Idee kommt, ich könnte wirklich die Mutter meiner wunderschönen, fast erwachsenen Tochter sein).
Ich nehme es ihr nicht übel (ihr war sicher meine reife Art, die sie zu der Vermutung veranlasst hat :D) und schau ihr lächelnd in die blauen Augen, ihre Schönheit bewundernd. Sie ist wirklich hübsch, auch wenn die blauen Augen genauso echt aussehen, wie die Perücken an der Wand. Sie stammt auch aus Syrien und freut sich, da sie sonst nur Libanesen und Ägypter kennt…“Und was ist mit Iraker? Immerhin heißt der Laden Bagdad. „, denke ich, sage es aber nicht.
Langsam habe ich mich an den Laden gewöhnt und schaue noch ein wenig mehr nach links. Dort liegt eine ältere Dame, in einen kunterbunten Umhang gewickelt, die kein bisschen arabisch aussieht und lässt sich die Haare scheiden. Wie oder warum hat sie sich denn hierher verirrt?
Mitten in Bagdad lässt sich eine deutsche Dame die Haare schneiden. Es bleibt mir gar keine Zeit zum wundern, denn jetzt geht die Tür auf und herein kommt eine schlankere und elegantere Version von Udo Waltz und sagt: Guten Tag.

Ich schlucke, ob das einer von der Friseur-Innung ist, der schauen möchte, ob hier alles mit rechten Dingen zu geht? Und warum legt er seinen schwarzen eleganten Mantel (der antithetisch zum ganzen Laden steht und einen prima Qualität-Quantität-Kontrast abgibt) ab und setzt sich auf einen der heruntergekommenen Stühle? Er möchte sich tatsächlich die Haare scheiden lassen!
Und für Ahmed alias Enrique Englesias scheint das ganz normal. „Was soll ich schneiden!“, fragt er in einem professionellem Ton und ich sehe Udo Waltz schon, mit einer der ausgestellten neuen Männerfrisuren,  die ebenfalls an der Wand hängen.
Wie wär es mit dem Tigerkopf, der in das Haar gemäht wird? Aber leider, antwortet der Kunde: Nur ein wenig nachschneiden.
Naja, vielleicht das nächste mal.

Meine Tochter ist fertig, wir verlassen den Laden und ich kann mir nicht helfen und suche auf dem Heimweg die Straße nach alternativen Friseursalons ab und es gibt sie! Die sehen schon von außen sehr professionell aus …und leer.
Was macht diesen Laden beliebt? Irgendwas habe ich verpasst. Ist es die Kombi aus gnadenloser Authentizität (sogar die Perücken taten erst gar nicht als seien sie echt) und gemütlicher Freundlichkeit? Ich glaube, es gibt einige Menschen, die das Geblende satt haben. Vielleicht.