Loftus Hall; eine Art Rezension

von MaryamSamara

Die Gelangweilten werden die ersten sein und die Nihilisten die geilsten. Instant Weisheiten zum Frühstück.  Es ist noch nicht aller Tage abend und die Nacht ist immer jünger als wir.

Wie schnell lasse ich mich beeindrucken vom Hand und Mundwerk anderer, geblendet von der Gleichheit ihres Schreibens, ihrem Aberwitz und ihren aneinandergereihten Aufzählungen,  Akrobaten der Worte, die nie den Boden berühren. Mich aber auch nicht. Wie will ich werden? Wie soll ich mich  finden, in diesem modernen Zirkus unserer Tage, in dem die Hoffnung unter Hospitalismus leidet und der Pathos sich vor seinem eigenen Schatten schämt. Nein. Stop. Nicht jetzt. Nicht da drüber. Bitte keine Problemwälzungen morgens schon aufs Brot geschmiert.

Heute abend gehen wir vergessen. Loftus Hall, sagst du und nennst noch ein paar andere Namen, die mich kichern lassen. Wer denkst sich sowas aus? Und wir fahren durch die nachttrunkene Stadt und ich fühle mich selten frei, während ich angestrengt aufpasse, niemanden der auf den Fahrradwegen stehenden Hipster umzufahren. Wir sind da. Du sagst: „Hoffentlich sind gute Leute da. Letzend waren da so mahrzaner Glatzen da.“ Wer ist denn sonst da, frage ich. Und du: „Na so Alternative, Hippies.“

Aha, sage ich, obwohl ich eigentlich nicht wirklich verstehe. [Mit Gruppeneinteilungen kenne ich mich nicht aus, die Hipster erkenne ich gerade noch so an ihren typischen-wie man mir sagte- Jutebeuteln].

Wir fahren mit unseren Fahrrädern in den Hof und du sprichst zwei Mädchen an, die draußen sitzen: „Sagt mal, was sind denn da für Leute drin?“ Und die eine sagt: „Hä?“ What?“

Und du fragst: „What kind of people are in there?“ Und sie überlegt ein wenig und sagt dann: „What kind of people?…white people!“  Wir fallen vor Schreck fast vom Fahrrad und suchen schnell das weite.

So ne Fragen darfst du nicht stellen, sag ich zu dir und dann stehen wir vor dem Eingang und du fragst den Türsteher: „Was sind denn da so für Leute da, heut Abend?“ Und der Türsteher zuckt seine bulligen Achseln, so dass er fast niedlich ausgesehen hätte und sagt zum Glück nicht: Weiße Leute, sondern: „Naja, ist schon gut besucht!“, als ob das eine Antwort auf die Frage wär. Wir nicken und tuen so, als sei es eine Antwort und betreten Loftus Hall, was, wie ich finde, eine ziemlich opulent euphemistische Bezeichnung für das dunkle Etwas ist, das sich vor uns auftut und du stöhnst: „Marzahner!“ Ich frage: „Wo?“

Überall, sagst du und ziehst mich zum Ausgang. Ich stolpere dir halbblind- meine Augen haben sich noch nicht an das dunkle, stickige gewöhnt-hinterher und höre ich dich reden, „Können wir bitte unser Eintrittsgeld zurückhaben?“, und wild erklären, von den erwarteten Sorten und den anwesenden, unerwünschten und das letzte mal, hätte man durchaus dafür Verständnis gehabt.

Man diskutiert ein wenig und dann sagt der, der am übelsten aussieht: „Nein!“-und schüttelt grimmig den Kopf.  „Bezahlt ist bezahlt.“ [Ich hätte mich nicht gewundet wenn er noch: „Reingefallen!“ gesagt und die Zunge herausgestreckt hätte.]

Aber du gibst nicht auf und fragst nachdem Besitzer dieses Loftus und er zeigt auf einen Mann an der Bar, woraufhin du mich wieder hinein ziehst in diese luftige Halle, deren Name ich entweder völlig falsch übersetzt habe oder eines der großartigsten, ironischen Bezeichnungen ist, die ich je gehört habe, denn die Luft ist so dicht, dass man sie mühelos wie dicke Brotscheiben zerschneiden könnte.

Meine Ohren hören zum ersten Mal die Musik und es gefällt mir, was sie hören und ich möchte dir sagen: „Lass uns hier bleiben, bei den Mahrzanern, die Musik ist gut. Hörst du die Trommeln?“ Aber du stehts noch da und diskutierst mit dem angeblichen Besitzer, der dir weismachen will, dass er das nicht entscheiden könnte, denn den Eintritt, den bekommen die da draußen stehen, damit habe er gar nichts zu tun.  Natürlich glaubst du es nicht, aber drehst dich um und weißt nicht, wie weiter, dabei jedoch fest entschlossen, hier alle Männer hässlich zu finden und dass sich der Abend nicht lohne. Ich flüster dir zu: „Hör mal! Hör mal!“, und fange an zu tanzen.

Es dauert nicht lange und du kannst dein Gegräme hinter dir lassen und wir tanzen gemeinsam mit geschlossenen Augen. Ich bade in der Musik, zucke mit ihr, verfalle ihr so sehr, dass ich mich selbst nicht wiederkenne. Ich, die im Alltag so oft anstößt und keine besondere Begabung fürs motorische erkennen lässt.

Ein Mann verbrennt mir den Arm mit seiner Zigarette. Ein anderer bietet mir eine an. Ich schüttel den Kopf und wir tanzen weiter bis es draußen hell wird.