hannah arendt – martin heidegger, briefe [1932/33] II zum antisemitismus

von MaryamSamara

Die meisten Briefe stammen von Heidegger. Von Hannah nur eine Kurzgeschichte [Schatten] und ein Brief, ansonsten noch das Eingehen Heideggers auf ihre Briefe.

Da mich Heidegger in Bezug auf die ihn vorgeworfenen Nazi-Gesinnung interessiert, fand ich diesen Brief [der erste überhaupt, der von den Juden spricht] interessant.

Allerdings verstehe ich seine Position nicht genau, bzw. seine Definition des von ihm vertretenen Antisemitismus [„in Universitätsfragen“]. Zu Anfang scheint er ihn ja völlig anzustreiten und es wie ein Zufall hinzustellen, dass es ausgerechnet imer Juden waren, die seine Anweisungen missachteten. Ein wenig erinnert es  an die heutigen Debatten, wo es halt immer die Türken/Araber sind, die Probleme machen, wo man eigentlich gar nichts gegen sie hat.

Liebe Hannah!

Die Gerüchte, die dich beunruhigen, sind Verleumdungen, die völlig zu den übrigen Erfahrungen passen, die ich in den letzten Jahren machen musste. 

Daß ich die Juden nicht gut von den Seminareinladungen ausschließen kann, mag daraus hervorgehen, daß ich in den letzten 4 Semesterns überhaupt keine hatte. Dass ich Juden nicht grüßen soll, ist eine so üble Nachrede, daß ich sie mir allrdings künftig merken werde. 

Zur Klärung, wie ich mich zu Juden verhalte, einfach die folgenden Tatsachen: 

Ich bin dieses Wintersemester beurlaubt und habe deshalb im Sommer schon rechtzeitig bekannt gegeben, daß ich in Ruhe gelassen sein möchte und Arbeiten und dergleichen nicht annehme. 

Wer trotzdem kommt und dringlich promovieren muß und es auch kann, ist ein Jude. Wer monatlich zu mir kommen kann, um über seine laufende große Arbeit zu berichten (weder Dissertations- noch Habilitations-.Projekt) ist wieder ein Jude. Wer nur vor einigen Wochen eine umfangreiche Arbeit zur dringenden Durchsicht schickte, ist ein Jude. 

Die zwei Stipendiaten der Notgemeinschaft, die ich in den letzten 3 Semestern durchsetzte, sind Juden. Wer durch mich ein Stipendium nach Rom erhält, ist ein Jude. –

Wer das „enragierten Antisemitismus“ nennen will, mag es tun.

Im übrigen bin ich heute in Universitätsfragen genau so Antisemit wie vor 10 Jahren und in Marburg, wo ich für diesen Antisemitismus sogar die Unterstützung von Jacobsthal und Friedländer fand.

Das hat mit persönlichen Beziehungen zu Juden (z.B. Husserl, Misch, Cassirer und anderen) gar nichts zu tun. 

Und erst recht kann es nicht das Verhältnis zu Dir berühren. 

Daß ich mich seit längerer Zeit überhaupt zurückziehe, hat einmal seinen Grund darin, daß ich mit meiner ganzen Arbeit doch einem trostlosen Unverständnis begegnet bin …

S.68 „Hannah Arendt – Martin Heidegger, Briefe 1925 bis 1975“, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main