Der alte Mann mag keine Geschichten.

von MaryamSamara

Nun bin ich doch alt geworden. Das verwundert mich jedesmal aufs neue. Wenn der Wind im Park durch meinen weißen Bart fährt, dann spüre ich immer noch das Leben und es wundert mich jedesmal. Manche sagen: Sie haben bestimmt viel erlebt!-wenn sie hören wie alt ich bin. Meist nicke ich nur und verstecke mich hinter meiner Greisenhaftigkeit damit ich nicht erzählen muss, was eh niemand hören will, ich am allerwenigsten, kenne ich doch die ganze Geschichte im Schlaf. Die jungen Menschen glauben, dass wir alten alle gerne erzählen, dass wir nur noch da wären, um uns an unseren Erinnernungen zu weiden und immer wieder wiederzukäuen, ein endloser Regress in alte und bessere Zeiten, in denen unsere Zähne noch echt waren und das Geld noch etwas wert und die Menschen noch eine Moral und Anstand hatten. Sie irren sich. Ich glaube nicht an diese Geschichten. Ich glaube an überhaupt keine Geschichten, auch nicht an meine. Meine Geschichte hat am allerwenigsten mit mir selbst zu tun und selbst ich selbst bin mir ziemlich egal. Das verstehen sie nicht und deshalb nicke ich meist senil und sabbere ein wenig aus dem Mund, wenn jemand diesen Satz sagt. Manchmal murmel ich auch etwas wie: Ich habe keine Geschichte. Ich bin jetzt so nackt wie ich auf die Welt kam und so gehe ich wieder.
Das passiert aber ehrlich gesagt immer seltener, denn meine Worte sind auch alt geworden, kommen nur noch sehr langsam aus meinem Mund. Aber ich habe schon früher nicht viel erzählt. Geschichten haben mich schon immer etwas gelangweilt. Deshalb habe ich auch selten gelesen. Und das Zeitung lesen, habe ich mir sehr früh abgewöhnt. Es waren immer dieselben Geschichten, die unter Zeitgeschehen verbucht wurden, ein ganz billiger Ettikettenschwindel, wenn man mich fragt [wenn man mich gefragt hätte].
Ich ziehe die Bilder den Geschichten vor. Das zufriedene Gesicht eines kleinen Mädchens, wenn sie das gewünschte Eis bekommt oder die zaghaft-begehrlichen Blicke eines jungen Mannes, wenn ihm ein Fräulein besonders gefällt, wenn jemand fast stolpert und ein ubekannter neben ihm ihn festhält, der atemlose Augenblick des Glücks, wenn jemand noch den Bus bekommt, dem er nachgerannt ist, die Tränen einer Fremden, die sie verstohlen wegwischt….Vielleicht sind das auch Geschichten. Vielleicht stimmt es nicht, dass ich keine Geschichten mag. Jedes Bild ist eine Geschichte, ein wiedererkennen, ein mit erleben, ein teilen, ein mit leiden…Ja, das mag sein.