Überförderung (einer Mutter)

von MaryamSamara

Ich wünschte, ich könnte es vermalen (anstatt zu schreiben, in Worten klingt es allzu missverständlich und undankbar). Anlass ist sicher einerseits die Überforderung, da ich keine organisierte Struktur aufzubauen vermag, andererseits sind auch organisierte Menschen überfordert, nur auf andere Weise. Und ich möchte nicht den Eindruck hinterlassen, dass ich nicht schätze, was ich bekomme. Aber mit jeder Hilfe wächst der Druck und die Erwartungen&Erwartungshaltung. Mit jeder Frist/ jedem Formular mehr, das Gefühl, das Leben selbst würde einem wie ein glitschiger Fisch durch die Hände gleiten.

[Ein wenig Off-Topic, aber doch als Beispiel geeignet: Gestern war ich auf dem Jobcenter den viel umworbenen Berlin-Pass für die Kinder zu verlängern. Und so toll [wirklich!] es auch ist, dass es so etwas überhaupt gibt, es ist bitter für überforderte Elternteile, wenn sie jedes halbe Jahr einen neuen Antrag stellen müssen, um einen neuen speziellen Bescheid für Bildungspaket zu bekommen, obwohl der aktuelle Bescheid für die Kinder (aus dem ja ersichtlich ist, dass sie berechtigt sind) für eine Verlängerung vollkommen ausreichend wär. Und dann wundert man sich in Zeitungen und Fernsehen, warum dieses Angebot von so wenig Eltern in Anspruch genommen wird. Dann sieht es am Ende so aus, als würden sozial-schwachen Eltern ihre Kinder generell am Arsch vorbei gehen, obwohl der Staat alles tut um benachteiligte Kinder zu fördern.]

Das Leben ist leichter geworden. Nein, keiner der sagt, was deine Aufgaben sind und was zu machen ist und was zu schaffen. Nein, kein Rahmen an Möglichkeiten mehr, in dem man sich Bewegen kann, was die anderen schaffen, musst du auch schaffen, jeder schafft es irgendwie, Tag für Tag, wir leben in Sicherheit, und haben Maschinen, die für uns die Arbeit erledigen, Papiere auf denen aufgezeichnet steht, an welche Regeln wir uns zu halten haben. Lasst uns das Wort Überforderung  aus unserem Duden streichen, lasst uns so tun als gäbe es das nicht mehr, als wäre Durchhalten die Lösung für all unsere Probleme, die gar keine sind aus der Sicht einer Mutter, die Hunderte Kilometer laufen muss, um ihren Kindern dreckiges Wasser zu bringen.

Hier fördern wir Mütter, in dem wir sie konstant überfordern, es muss doch zu schaffen sein, sagen wir ihnen, weil wir wollen, dass ihr es schafft. Man muss sich halt nur am Riemen reißen und organisiert muss man sein.

Wir wollen nichts von euren Sorgen wissen, wir geben euch Geld, das ist mehr als ihr damals träumen konntet. Wie gut ihr es habt! Wir treiben euch aus euren Häusern hinaus, in denen die Arbeit von alleine weiterläuft.

Nachts dürft ihr dann träumen von einem einfachen Leben, in dem ihr euch ausruhen könnt und nicht tausend Dinge achten müsst, keine Fristen einhalten, keine Termine, keine Sorgen aushalten, keinen Kummer wegwischen, kein Lächeln aufsetzen, keine Schönheit faken, keine stahlharten Schultern antrainieren. Wenn ihr aufwacht macht ihr eure Betten und faltet die Schwäche sorgfältig  zwischen eure Laken. [Mehr braucht ihr nicht zu wissen.]