Der Matratzentester

von MaryamSamara

Hans Smith zog den Schlüsselbund aus der Jackentasche und schloss den Laden auf. Es war 9 Uhr 30 und um 10 Uhr wurde geöffnet. Er war der Besitzer eines dieser typischen damit man ihn von zwei Straßen aus sehen konnte um die Ecke gebauten Matratzenläden, die alle gleich aussahen, das obwohl das Matratzengeschäft den Konzernketten noch nicht zum Opfer gefallen war, war es eigentlich  einerlei, denn niemand achtete auf den Namen, der über den Geschäften hing. Wenn jemand hier herein kam, dann in der Erwartung einer 70%tigen Reduzierung, ein Schnäppchen wie man gern sagte, ein Spiel nicht mehr und nicht weniger, denn eigentlich wusste jeder, dass man den eigentlichen Preis der reduzierten Matratze erst einmal um 100% erhöhte, um ihn dann auf 70% zu reduzieren. Der Gewinner war in jedem Fall der Matratzenhändler und obwohl doch eigentlich jedem hätte klar sein müssen, dass dieser dauerhaft, festklebende 70%Sticker etwas wohl kalkuliertes und eben keineswegs ein Schnäppchen war, kamen die Kunden vor allem auf Grund dieses Stickers. Ganz selten nur wurde eine nicht reduzierte Matratze verkauft. In den Augen von Hans Smith hatten sie ihren eigentlichen Zweck längst verloren und waren mit der Zeit und vollkommen zu Unrecht auf einer Art Attrappe reduziert, lediglich noch da, um dem potenziellen Käufer die Illusion einer Auswahl zu suggerieren und ihm dabei die Befriedigung zu gönnen, etwas gespart zu haben. Hans Smith hatte es längst aufgegeben, etwas dagegen tun zu wollen, früher hatte er versucht seine Kunden aufzuklären, aber das Ergebnis war jedesmal dasselbe: Verwunderung, anerkennendes Nicken für seine Ehrlichkeit und eine hastige Verabschiedung mit dem Versprechen bald wieder zu kommen, nachdem man sich entschieden habe. Manche verlangten anstandhalber noch ein Prospekt, aber niemand kam wirklich wieder. Hans Smith hatte es auch aufgegeben sich darüber zu wundern, er hatte gelernt, dass der Mensch an sich eben wunderlich ist, auf seine Illusionen besteht, selbst besseren Wissens.

So war es ganz natürlich, dass Hans Smith mit der Zeit seinen Laden immer lustloser aufschloss, jedoch nicht wirklich deprimiert  denn es war eh nie sein Traumberuf gewesen, Matratzenverkäufer zu werden, er war da eher so reingerutscht, ein glücklicher Zufalls könnte man sagen, dass der vorherige Besitzer, ein älterer, feiner Herr ohne Nachkommenschaft  als er sein Berufspraktikum bei ihm absolvierte so angetan von ihm gewesen war, dass er ihm den Laden vererbte und alsbald darauf starb, so als hätte er nur noch auf jemanden gewartet, dem er den Laden anvertrauen konnte; es gibt nicht mehr viele geradelinige Leute, hatte er gesagt und in Hans Smith ein selten gewordenes Exemplar Mensch gesehen. Und so kam es, dass Hans Smith schon in jungen Jahren Besitzer eines eigenen Geschäfts mit sicherem [voraussehbarem] Einkommen wurde, dass er weder selbst aufgebaut hatte, noch sich gewünscht hatte. Da er aber noch nie gewusst hatte, was er werden wollte [er empfand die Frage schon als merkwürdig unverständlich], hatte er sich schnell mit der Vorstellung angefreundet in die Fußstapfen des alten Herrn zu treten, für den er, obwohl er ihn nicht besonders gut oder lange gekannt hatte so etwas wie- auch wenn er sich nicht ganz sicher sein konnte, da er keinen seiner seiner Großväter kennengelernt hatte [der eine war im Krieg gefallen und der andere lange vor seiner Geburt abgehauen]-großväterliche Gefühle hegte.

Deshalb also hielt sich seine Lustlosigkeit in einem durchaus ertragbaren Rahmen, gehalten von einer grundsätzlichen Zufriedenheit, es hätte ihn auch sehr viel schlimmer treffen können, wenn man die unsichere und hektische Welt da draußen betrachtete, war er doch sehr froh, dass er sich ein so ruhiges Leben leisten konnte und letztendlich zählte er sich selbst zu den Glückspilzen dieser Welt: seine Tätigkeit erlaubte es ihm zu lesen, da es auch lange Zeiten gab, in der kein einziger Kunde den Laden betrat, stellte er sich gerne vor er würde eigentlich für das Lesen bezahlt und die  Matratzen wären nur der vorgeschobene Grund, da es ja nicht anging fürs Lesen bezahlt zu werden. Dieser Gedanke bereitete ihm ziemliches Vergnügen, die Vorstellung von einer geheimen Welt in der die Dinge anders liefen, einer Welt, die sich tarnte, um den Anschein einer [er meinte damit wirklich „irgendeiner“] Normalität zu wahren.

Es mochte sein, dass er tagein tagaus immer dieselbe Matratze verkaufte, aber er las immer andere Bücher und so war er mit den Jahren- auch wenn das niemand wusste-  ein viel belesener Mann geworden, ein Agent in ihm unbekannter, heimlicher Mission, der zur Tarnung Matratzen verkaufte, als solcher betrachtete sich Hans Smith und deshalb war es kein Wunder, dass er gerade las, als die Glocke an der Tür einen Kunden verkündete…