Der Matratzentester II

von MaryamSamara

„Guten Tag!“, sagte der Mann, der soeben den Laden betreten hatte. „Ich würde gerne von Ihrem Angebot Gebrauch machen!“ Hans Smith schaute von seinem Buch auf, ohne in Wirklichkeit aufzuschauen, er tat quasi nur so als würde er aufschauen, während er in Gedanken die Geschichte in dem Buch nie verlassen hatte, dabei lächelte er milde, ein echtes Lächeln, ein Lächeln, das Ausdruck seiner Menschenliebe war, diese nimmer erlöschende Rührung den Unverbesserlichen- inklusive ihm selbst-  gegenüber. Genau mit diesem Lächeln öffnete er den Mund und sagte: „Gute Tag! Natürlich, gerne! Die Matratze ist gleich hier!“, und er zeigte mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die 70% reduzierte Matratze, die im Zentrum des Ladens aufgestellt war.

Der Mann bewegte sich nicht und sagte nicht, er reagierte überhaupt nicht, was Hans Smith doch so sehr irritierte, dass er sein Buch nun ganz aus der Hand legte und seine Augen mit Aufmerksamkeit auf seinem Gegenüber ruhen ließ. Er war ein zierlicher Mensch, nicht klein, nicht groß, aber auf eine besondere Art und Weise filigran gebaut, dennoch alles andere als zerbrechlich-es ging eine Festigkeit von ihm aus, so als ruhe er ganz im inneren seiner selbst, ohne sich dort verbarrikadiert zu haben, war er anwesender als alle Menschen, denen Hans Smith zuvor begegnet war. es schien fast, als könnte dieser Mann reden ohne den Mund aufzumachen, aber eben nur fast, denn trotz dieser bewundernden Gedanken von Hans Smith für diesen Fremden, konnte er die Stille des Mannes nicht verstehen. Anscheinend sagte ihm der Zeigefinger und der Wink in Richtung der Matratze nichts, war es wohl etwas anderes, auf das sich der Mann bezogen hatte?

„Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“, versuchte es Hans Smith noch einmal und schaute dem Mann dabei direkt in die Augen, so als sei sein erster oberflächlicher Blick vielleicht der Grund für das Schweigen gewesen. Er fragte auch mit einer Art Nachdruck, die deutlich machen sollte, dass es ihm durchaus am Herzen lag, eine Antwort zu bekommen, und seine Stimme war weich und warm, so als läge darin auch eine Entschuldigung für seine frühere Unaufmerksamkeit.

Der andere lächelte, das heißt eigentlich bewegte sich sein Mund gar nicht, nicht ein Stück, aber seine Augen, die lächelten und das Glitzern in den Augen des anderen war auf eine für Hans Smith ganz unbekannte Weise so voller Liebe, dass er sich fragte, ob er seinen Augen trauen konnte, ob er sich das nicht vielleicht alles eingebildet hatte, wie konnte so viel in so wenig passen, wir konnte so ein Lächeln überhaupt in dieser Welt überleben?- aber er musste die Gedanken erst einmal beiseite schieben, denn der Fremde, den er nun bei sich „den Lächelnden“ nannte, was ihn aufgrund des durchaus ernsten Gesicht des Lächelnden nicht aufhören wollte zu irritieren, es schien wie ein ironischer Name, bei diesem ernsten, fast ein wenig grimmigen Gesicht, war aber eben durch und durch ernst gemeint. Der Lächelnde sprach: „Ich würde gerne Probeliegen, wenn es Ihnen gerade Recht ist. Wenn nicht, dann komme ich auch gerne ein anderes Mal!“

Hans Smiths Antwort kam ganz unmittelbar: „Natürlich ist es mir Recht! Wie Sie sehen ist nicht viel los und es stört mich sicher nicht, nehmen Sie sich alles Zeit die sie brauchen! Nur eine Bitte hätte ich…“

„Dass ich die Schuhe ausziehe, versteht sich von selbst!“, sagte der Lächelnde: “ Niemand, der ein wenig Verstand hat, geht mit Schuhen ins Bett!“

Hans Smith lächelte ergeben, von der Schnelligkeit des Geschehens verwirrt, er hatte sich auf ein langsameres Leben eingestellt, ein Leben, in dem man den Menschen erklären musste, dass sie ihre Schuhe ausziehen müssen, auch wenn es sich nur um eine Probematratze handelt, wenn denn überhaupt jemand das einst durchaus ernst gemeinte Angebot zum Probeliegen in Anspruch nehmen wollte.

„Gut!“, sagte der Lächelnde: „Dann hätten wir das Formale erledigt! Ich würde gerne mit der Matratze dort hinten rechts anfangen. Sie wurde von Stiftung Warentest mit „gut“ getestet und obwohl mein eigenes Urteil- nicht nur bei Matratzen- oft genug im Widerspruch zu den Testergebnissen stand, muss ich gestehen, dass ich jedesmal wieder beeindruckt bin von einem Urteil wie gut oder sehr gut. So als müsste das am Ende doch etwas aussagen, nicht wahr? Und obwohl der Kopf weiß, dass die Worte in dieser Welt zu schnell gesprochen werden und oft auch mit Absicht, um in die Irre zu führen, jedesmal falle ich für einen winzigen Moment drauf rein. Wie merkwürdig, nicht?“ Der Lächelnde war mit seiner Rede fertig und diesmal lächelte sogar sein Mund, wenn auch nur minimal. Er hatte bedacht gesprochen, nicht langsam, nicht schnell, nur sehr klar, so als hätte auf den Worten aller anderen Menschen ein Nebel gelegen, den niemand bemerkt, weil er schon so lange  einhüllte, dass er unbemerkt blieb und erst als Worte wie dies des Lächelnden kamen, konnte man ihn erkennen, denn alle erfahrbaren Dinge brauchen einen Kontrast, etwas an dem sie sich messen ließen und das normale war immer das verbreitete, das viel-erfahrene, aber diese Erkenntnis half Hans Smith in diesem Moment auch nicht weiter. Er lächelte, als wäre er von Stummheit oder Dummheit geschlagen oder sogar von beidem und machte eine Handbewegung, die er für eine Einladung hielt. Der Lächelnde verstand und schritt auf die Matratze mit dem Testurteil gut zu, drehte sich noch einmal um und sagte: Wundern Sie sich bitte nicht, wenn es eine Weile dauern sollte. Um sich ein Urteil zu bilden, braucht es seine Zeit.“