Das Mädchen am Abgrund

von MaryamSamara

Das Mädchen hat einen roten Mantel an, den es es schnell und mit geschickten Fingern zuknöpft als es aus der S-Bahn steigt. Rotkäppchen denke ich, dabei hat sie gar kein rotes Käppchen an. Sie trägt gar keine Mütze und man sieht deutlich ihre kurzen dunklen Haare, die ihr Gesicht umlocken und sie warm halten.

Sie hopst die Treppen hinunter, eine Mischung aus rennen und hopsen, da hält sie inne, der Mann auf der langen Treppe sitzt wieder dort, wie immer gekauert und in sich zusammen gesunken. Er da sitzt immer an der selben Stelle. Er hält die Hände nach oben, aber nicht zu sehr, um gestellt zu wirken und den Kopf nach unten. Eigentlich hält er ihn nicht, nicht aus Absicht, es ist eine Natürlichkeit an ihm, anders als bei den anderen Bettlern, eine Natürlichkeit, die aus tiefster Hoffnungslosigkeit zu entspringen scheint.

Jemand, der seine Hände nach oben hält und doch nichts mehr erwartet.

Jedesmal, wenn sie ihn an seinem Platz entdeckt ist sie ein wenig erleichtert, dass er noch da ist und immer auch verwundert, wie schafft er zu überleben?

Er sieht aus wie mit Ruß eingeschmiert, man sieht kaum sein Gesicht vor Dreck. Dennoch kann sie keinen üblen Geruch ausmachen. Ob das am Ende eine Bettlerkostüm ist, das er sich anzieht und der Ruß [oder was auch immer das ist, Theaterschminke?] sein Gesicht vor der Scham schützen soll?

Sie sieht noch einmal hin, obwohl sie ihn nun fast erreicht hat. Er ist so dünn, so als wäre da nichts unter seiner Kleidung. Wie hält er es hier draußen bei der Kälte aus?

Ihr Vater sagt immer, dass man diesen Menschen nichts geben soll, weil sie das Geld für Drogen ausgeben. So hilft man ihnen nur noch weiter in den Abgrund, sagt er. Sie hat es aufgegeben, mit ihm darüber zu diskutieren. Er würde nie akzeptieren, dass es für bestimmte Menschen nur den Abgrund gibt. Für den Vater gibt es immer eine Wahl, ist alles eine Frage des Willens. Dieser Glaube erlaubt es ihm, vorbei zu gehen, denn er ist kein schlechter Mensch. Er spendet sein weniges Geld an Menschen, die in Ländern wohnen, in denen es diese Wahl nicht gibt, die ihre Leben nicht so vergeuden würden, wie dieses Häufchen von Mann da auf den Treppen vor ihr.

Das Mädchen hat schon längst ihre Manteltasche nach Kleingeld abgesucht, aber sie findet dort nur einen Plastikchip zum einkaufen, ihren Schlüssel und ein altes Taschentuch.

Nun ist sie auf seiner Höhe und traut sich nicht, ihn anzuschauen, verfällt wieder in ihr Hopsen, um dem Hoffnungslosen keine falschen Hoffnungen zu machen.

Das letzte Mal hatte sie auch nichts für ihn dabei gehabt, aber da hatte sie ihn mit warmen Augen angelächelt. Ich sehe dich, sollte das Lächeln heißen und ich urteile nicht, wie mein Vater es tut, denn ich glaube, er hat da Unrecht, nicht alle Menschen haben eine Wahl und am Ende dieses Lächeln stand eine Befürchtung, die das Potenzial zur Gewissheit in sich trug, dass auch sie zu seiner Sorte Mensch gehörte, zu der ohne Wahl. Deshalb also urteile ich nicht, hatte ihr Blick zum Abschied gesagt und wenn ich genug Geld hätte, um deinen Weg in den Abgrund so schön wie möglich zu machen, dann würde ich es dir geben, ohne von dir zu erwarten, dass du mit meiner Gabe, deinen Hintern aus der Scheiße ziehst, so als hätte ich dich mit meinem Geld gekauft und du müsstest jetzt Protagonist meiner Vorstellungen sein….

Das Mädchen ist an ihm vorbei, die Menschenmassen drängen sie nach unten. Da hält sie inne, stellt sie an den Rand der Treppen und sucht in ihrer Tasche. Sie findet 2 Euro auf dem Grund, die aus der Geldbörse gefallen sein muss. Immerzu fällt ihr Geld aus der Börse, sie vermutet, dass es eine Form von unbewusster Absicht ist, mit der sie sich die Möglichkeit offen hält, noch etwas zu finden, wenn die Börse leer ist.

Sie überlegt kurz, zwei Euro sind viel, dreht sich tapfer um und schlägt sich durch den Strom nach oben, erreicht die Hände und legt ihre Münze schnell hinein, flüchtet vor dem „Danke, O Dankeschön!“ nach unten davon, durch die Kälte nach Hause.

Später wird sie die zwei Euro beim einkaufen  vermissen, sie wird etwas nicht kaufen können, das sie gerne gehabt hätte. Das Mädchen wird es sogar einen winzig kleinen Augenblick bereuen, das Geld so unüberlegt ausgegeben zu haben, aber dann denkt sie an die zugige, kalte Bahnhofstreppe und hofft nur, dass es dem Mann gut geht und dass ihm andere noch mehr geben. Außerdem wünscht sie sich, dass sie ihn wiedersieht, nur um sicher zu gehen, dass es noch eine Weile dauert

bis zum Abgrund.