Walter Benjamin

von MaryamSamara

Es scheint, ich habe mir einen Baum ausgesucht, den ich niemals gut heißen kann. Ich soll ihn mir gewünscht haben und nun habe ich ihn bekommen, steht er auf dem Fensterbrett meines Zimmers, das gerade weiß gestrichen wurde, obwohl die Leute mich vor weiß gewarnt habe, ob ich mir auch sicher sei, weiß sei so steril, so als ob man weiß nicht immer noch mit etwas farbigerem überstreichen könnte und überhaupt habe ich nicht verstanden, was sie meinten mit weiß sei steril, für mich sind alle Farben in weiß enthalten, ohne einen mit ihrer Farbhaftigkeit zu erschlagen, sondern eher nur ein Hauch und potenziell, so dass im weiß so unglaublich viele Möglichkeiten liegen, dass es einem fast den Atem nimmt, vielleicht habe ich aber auch nur nie lange genug in einem Krankenhaus gelegen, um zu verstehen, was sie meinen mit weiß sei steril, aber sei mir meine naive Schwärmerei gegönnt, dort in diesem Zimmer steht also der Baum, den ich mir unmöglich ausgesucht haben kann, aber doch ist es so, wie so vieles im Leben, habe ich es getan, habe ich gesagt: diesen Baum wünsche ich mir von euch und der Wunsch wurde mir sofort erfüllt, dieser Wunsch, der nicht meiner sein kann [was auch immer das Possessivpronomen hier bedeuten soll], denn und nun komme ich endlich zum Punkt, denn er ist verkrüppelt, nicht von Natur, sondern worden, von Menschen, was man wiederum doch von Natur aus nennen könnte im weitesten Sinne, denn immerhin sind wir auch aus der Natur und alles, auch unsere merkwürdigsten Ideen „von Natur“, nämlich unserer menschlichen Natur. 

Der Baum ist ein großer Bonsai. Sein Stamm wurde verdreht und in seine Rinde wurde geritzt und es wurde Splitter in ihn gesetzt und seine Äste würden immer wieder zurecht gestutzt. Seine Blätter leuchten in einem schönen grün, das ich nicht verstehen kann, so als würde all die Lebenskraft in die Blätter geflüchtet sein oder vielleicht auch als bedeute das Leuchten, das er wie ein Stern schon lange nicht mehr da ist. 

Niemals und das werdet ihr mir sicher glauben, hätte ich mir einen gefolterten Baum gewünscht. Meine Hand fährt über seine Wunden und sein Holz und ich flüstere ihm Dinge zu und weiß nicht, ob ich besonders zart zu ihm sein soll oder im Gegenteil sehr hart, weil er vielleicht sonst gar nichts mehr spürt.

Ich habe ihn gefragt, was er für Musik mag, denn es ist allgemein bekannt, dass Pflanzen Musik mögen, aber er hat noch nicht geantwortet, vielleicht will er auch einfach nur seine Ruhe. Außerdem habe ich ihm die Erlaubnis gegeben zu wachsen und sich zu strecken, wie er möchte, ich werde ihn nicht mehr stutzen. Ein wenig Angst habe ich, er könnte das für einen gemeinen Scherz halten, weil er diese Fähigkeit des Wachstums, die für Bäume und vielleicht auch für Menschen synonym für Freiheit steht, längst eingebüßt hat und nun nachdem er sich nun mit dem Biegen und Gebrochen werden angefreundet hat, kommt eine und fordert die Freiheit für ihn ein, eine Freiheit, die verloren ist, schon so lange mit der Muttererde aus der er geboren würde.

[Fortsetzung geplant]

Sorry für den anstrengenden Text.