Vom Vermissen bei Vollmond

von MaryamSamara

Immer wenn Vollmond ist und heute ist Vollmond, dann vermisst er etwas. Er weiß nur nicht was. Der Mond kann es nicht sein, denn er ist ja ganz da. Viel eher scheint es etwas zu sein, dessen Fehlen durch die vollkommen runde Anwesenheit des Mondes überhaupt erst wahrnehmbar wird. Er denkt an sie. Und weiß, dass sie immer so unerreichbar bleiben wird wie der Mond. Vielleicht ist es das. Das stinknormale Klischee einer romantischen Vorstellung der ewigen Sehnsucht für die der Mond selbst zum Symbol geworden ist. Am Ende ist es gar nicht der Mond, der lange schon nur noch Herr über die Gezeiten ist, der ihn zu etwas zieht, das vielleicht sie ist, vielleicht aber auch nur etwas viel tiefer verborgenes, dem sie in irgendeinem undefinierbaren Aspekt zufälligerweise am nächsten kommt. Ja, am Ende ist es nicht mehr als das. Der Mond als metaphorischer Stellvertreter seiner ungreifbaren Sehnsüchte, die in Wirklichkeit nicht seine sind, sondern ihm nur angehören, weil er vollständig in der Menge der Menschen subsumiert ist.

Er schaut nach oben und fragt sich, wie es wohl wäre, den Mond mit den Augen eines ersten Menschen zu sehen. Vielleicht vermisst er das: Die Möglichkeit von Unvoreingenommenheit, noch einmal ganz neu beginnen zu können.