Seenot

von MaryamSamara

Unser Schiff versank mitten im abgelegensten aller Meere. Wir liefen auf dem Wasser und fanden zwei Hausboote. Eines war alt und schon morsch, aber groß genug uns alle aufzunehmen, deshalb vergaßen wir das kleinere, das sicherer war, aber in das wir kaum hinein passen würden. Und dennoch war es als hörten wir eine Stimme, eine Stimme wie aus den Nachrichten, die über das Meer wehte:

Diese Menschen überlebten wochenlang eng zusammengequetscht auf diesem kleinen Schiff und wurden wie durch ein Wunder gerettet.

Vielleicht bildeten wir uns das aber auch nur ein. Den Stimmen des Meeres war noch nie zu trauen.

Wir erforschten das hölzerne Schiff und fanden altes Brot und andere Dinge, die wir zum Überleben brauchen. „Sollen wir etwas verstecken für später, für alle, damit noch eine Reserve da ist, falls es länger dauert mit der Rettung?“, fragte ein kleiner Junge und ich überlegte kurz, und schüttelte den Kopf: „Nein, wir teilen es so gut auf wie wir können. Es soll nichts versteckt werden. Dadurch entsteht Misstrauen!“

Wir hatten gerade das Boot zu unserem erklärt und waren froh, dass obwohl es so vermodert  war, uns Nahrung und Schutz geben würde, da tauchte eine andere Gruppe auf, Ertrunkene, die schon länger im Meer herumgetrieben waren, schmutzig und hungrig.

Wir empfingen sie, weil wir keine andere Wahl hatten und ich teilte ihnen schnell Brot aus, das ich versuchte in gerechte Stücke zu reißen, begleitet von Worten wie: „Ich würde euch gerne jeder ein ganzes Brot geben. Ihr müsst so hungrig sein. Aber wir müssen es einteilen!“ Durch die Worte beruhigte ich sie und verhinderte, dass sie über uns und die Vorräte herfielen, obwohl sie viel weniger unruhig waren, als ich befürchtet hatte.

Sie nahmen das Brot, auf eine merkwürdig friedfertige Art, aber wir wussten, dass es zu einem Kampf kommen würde: Jemand sagte mir, dass das Brot vergiftet gewesen war und das erleichterte mich. Dann fing jemand aus meiner Gruppe an, denen die noch standen aus der anderen Gruppe unauffällig mit einem Brotmesser in den Rücken zu stechen. Da ihre Reaktion sehr abgestumpft (stumpfter noch als das Brotmesser) war, auch stark verzögert, merkten sie es gar nicht, aber wieder wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie zum Gegenangriff übergehen würden, so nahm ich das größte, schärfste Messer und stach ihnen in Hals und Kopfhöhe, bis sie zu Boden fielen. (Es war leichter als angenommen und ich versuchte einen Platz an mir zu finden, das Messer zu tragen, ohne mich zu schneiden).

Die, die noch standen leisteten eigentlich keinen Widerstand, ein paar andere von ihnen saßen stumm und bewegungslos mit geschlossenen Augen am Boden, festgegurtet von giftigen Schlingpflanzen, die gerade Blütezeit hatten (ein groteskes Bild). Sie waren noch nicht tot, aber es würde nicht mehr lange dauern. Eine bedrückende Atmosphäre lag über dem ganzen. Ich hoffte, sie mögen schnell sterben.

Ich überlegte, wie ich die Welt auf uns aufmerksam machen sollte, so dass man uns finden würde und tatsächlich schwebte plötzlich eine Kamera über uns, die uns filmte, um es in den Nachrichten bekannt zu machen. Bald also würde man uns retten kommen, wenn wir nur durchhielten. Ich sagte zu jemanden: Ob meine Kinder mich auch gesehen haben, ob sie wissen, dass ich noch lebe?

Und ich konnte nicht sagen, ob sie die Nachrichten sehen und ob sie mich darin sehen würden. Sie hätten zur richtigen Zeit am richtigen Platz sein müssen, das war mir zu vage. Aus lauter Verzweiflung beschloss ich ihnen zu schreiben.

Ich schrieb ihnen, dass wir noch lebten und versendete es unter höchster Konzentration als eine Mischung aus Gedankenübertragung und Email. Aber es ging an andere Leute und kam auch noch in der falschen Rubrik an, nämlich in „Lustiges“, worauf ich viele Antworten erhielt, die ich auch nur unter dieser diffusen Konzentration (immer mit dem Sog einer starken Ablenkung im Rücken) lesen konnte. Sie alle schienen das gleiche zu schreiben: Damit macht man keinen Spaß.

Verzweifelt wollte ich ihnen zurückschreiben, dass es ernst sei, kein Spaß und nur ausversehen in der falschen Kategorie gelandet war, ob sie meine Kinder benachrichtigen könnten. Plötzlich mussten wir das große Boot verlassen und wir standen allesamt (ca 25-35) vor dem kleinen,weißen Metallboot. Da wusste ich, dass die Stimme wahr gewesen war.