Lost

von MaryamSamara

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Aus beklemmenden Träumen aufwachen und sie dann nicht abschütteln können. Ein alter, ungewaschener Mathelehrer, der mir nachstellt, mich betatscht, wo er nur kann und mit überschwänglichen Worten lobt, ich falle darauf rein, spüre lediglich eine subtile (und doch deutliche) im Bauch liegende Ablehnung seiner Nähe, ich versuche durch den Türrahmen zu gehen,

mit den Worten aber bin ich dabei. „Du hast gerade Gott ohne Gott erklärt!“, verkündet er laut und jedem, der es wissen (oder auch nicht) will, begeistert:“ Das hat noch niemand geschafft, nun ist mir die Bedeutung der Moral als Ausdruck unseres menschlichen Strebens nach Vollkommenheit endlich verständlich!“

Er ist auch Maler. Ich sage: „Das habe ich in ihrem Unterricht gelernt.“ Und weiß nicht, ob ich Mathe meine oder Malerei.

Mit Beklemmungen aufwachen, aus einer Verwirrtheit im Traum in eine Verwirrtheit des Wachseins hinein.

Kaffee machen. Gute Gedanken anziehen. Ommmmmm.

Der Schwester schreiben. Schwester scheint angesteckt zu sein mit den Beklemmungen. Wir stammen aus demselben Stall, sind vom selben Baum gefallen und es wäre vielleicht besser, woanders Ermutigung zu suchen, in anderen Ställen, auf anderen Bäumen, andererseits: Wir kennen uns, wenn wir uns nicht helfen können, wer kann es dann?

Meine Taschen, egal wie oft ich in sie hinein greife, sie bleiben leer,

nicht einmal ein Krümel Sand von den Tagen am Meer ist übrig geblieben. Und damals dachte ich, es gäbe unendlich viele davon.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich bestimmte Eigenschaften wie den Sand in meinen Hosentaschen verlieren könnte, unter anderem vermisse ich:

– eine Bestimmtheit immer wieder aufzustehen

– die Fähigkeit überall Hoffnung zu sehen und zu geben

– meine Begeisterungsfähigkeit (oh, die besonders)

– die Gabe der Dankbarkeit dem einzelnen Augenblick gegenüber wie zum Beispiel: die Stille der Nacht, dem Himmel über mir, dem Geruch nach Regen und Gras, der Sonne, wenn sie aus den Wolken bricht, ein Lächeln, ein warmer Blick zwischen einem Fremden und mir….

Die Verwirrtheit hat (glaube ich) auch ein Stück damit zu tun, mit dem Verlust von Eigenschaften, die ich gerne zu meiner Persönlichkeit gezählt habe. Und das Wissen, dass das Potenzial der Welt nichts nutzt, wenn man es nicht in die Tat umzusetzen vermag. Es ist wie mit einem Diamanten, den du irgendwo in deinem Universum verloren hast, den du suchst und suchst, ohne ihn zu finden. Das Wissen, ihn (irgendwo) zu besitzen nützt dir nichts.

Du hast dich verloren, bevor du dich gefunden hast.