Über stark sein. Kindheit.

von MaryamSamara

Als Kinder fanden wir den Klang der Feuerwehrsirenen lustig, wir machten sie fröhlich und unbekümmert nach: „Tatütataa, die Feuerwehr ist daa!“ und dann pulten wir die Körner aus den Hagebutten und versuchten den anderen unter lautem Geschrei und Gegenwehr mit dem selbst gemachten Juckpulver einzureiben. Manchmal zauberten wir uns gegenseitig „Ameisen im Arm“ indem wir mit den Händen an Arm des anderen fest in unterschiedliche Richtungen drehten bis es kribbelte. Wir waren jedes mal erstaunt, dass es sich wirklich wie tausend Ameisen anfühlte, die uns im Arm rumliefen, als hätten wir die Erfahrung tatsächlich schon einmal gemacht.

Wir spielten Fangen, Verstecken und Völkerball. Wir warfen Murmeln, gewannen und verloren. Ich erinnere mich, dass ich stundenlang Murmeln anschauen konnte, fasziniert von ihrer Schönheit, sie umgab ein Gefühl von grenzenlosem Reichtum. Und dennoch lag ganz nahe an diesem Gefühl eine Unruhe, so als müsste die Schönheit der Murmel ein Geheimnis bewahren, das ich nicht fassen konnte und es machte mich ganz kribbelig, dass mir das Aufspüren des tieferen Sinnes immer wieder wegrutschte, sobald ich ihn zu fassen versuchte. Dann sprang ich von der versplitterten Holzbank auf und forderte jemanden zu einem weiteren Spiel heraus, das ich oft gewann. Ich war eine gute Werferin. Überhaupt liebte ich alle Ballspiele und war sehr stolz drauf, dass ich anders als andere Mädchen keine Angst hatte, den Ball zu fangen oder zu werfen.

Im Sommer sammelten wir Marienkäfer und brachten sie zu verlausten Stellen der Hagebuttenbüsche, die den Spielplatz umgaben, so als könnten die Marienkäfer die Läuse nicht selbst finden. Es gab uns ein befriedigendes Gefühl, solch nützliche Arbeit zu tun. Die Nützlichkeit hinterfragten wir damals nicht ein einziges mal, denn wir waren es, die definierten, was nützlich ist.

Es gab einen Jungen in unserer Siedlung, der hieß Sven. Er liebte es Insekten die Beine herauszurupfen. Ich legte mich jedes mal mit ihm an, versuchte die Tierchen zu retten, unterdrückte dabei den Ekel vor diesem Jungen, dem ich  eigentlich nicht näher kommen wollte. Er widerte mich an, seine Lust in seinen sonst stumpfen Augen zu erkennen, einem anderen Wesen weh zu tun. Irgendwann sah man ihn nicht mehr, ich hörte, dass er ins Heim gekommen sei, sogar noch wildere (unvorstellbare) Gerüchte, dass sich seine Mutter umgebracht hätte und tat mir trotz meines Ekels  leid. (Damals hatte ich eine leise Vorahnung, dass sein sadistisches Vergnügen mit seiner traurigen Geschichte zusammen hängen könnte.)

Und es gab noch einen anderen Jungen, der Sascha hier, Draco Malfoy aus Harry Potter gar nicht unähnlich, er suchte sich immer vermeintlich schwächere aus und fing eine Rauferei mit ihnen an. Sein Vater saß meist biertrinkend auf dem Balkon und grölte ab und zu herum, seine Mutter stand am Fenster und griff sofort verbal von oben aus ein, wenn ihr Saschalein doch mal unerwartet etwas abbekam.

Einmal im Ramadan, es war Hochsommer, kam ich dazu wie Sascha einem türkischen Nachbarsjungen Sand ihn den Mund stopfte und etwas wie: „Friss Sand, du Kamelficker!“ schrie. Ich stürzte mich auf ihn, hielt seine Arme nach unten und gab ihm eine Moralpredigt unter Androhung ihm das nächste Mal auch mit Sand zu füttern, damit er wüsste wie das ist.  Ein anderes Mal griff er eine meiner kleineren Schwestern an und ich war wieder über ihm, diesmal wirklich sehr wütend,  schrie ihn an und rüttelte ihn, dass er was erleben würde, wenn er das noch einmal tun würde. Er zeigte sich schnell einsichtig.

Im Nachhinein ist es merkwürdig, ich hab damals nie daran gedacht, dass ich einen Kampf verlieren könnte, ich glaubte sehr fest an meine Kraft und das war es wohl, was jeden eingeschüchtert hat, wenn ich als  große, beschützende Schwester oder „Ritterin des Rechts“ auftrat.