Resteverwertung III

von MaryamSamara

Traumreste Der Traum zieht und ruft und weist immer wieder über uns hinaus. Keine Frage, das Ich des Traumes ist weiser als wir. Aber wer ist dann dieses Ich und wer sind wir? Diese ewige aufgrund ihrer Unbeantwortbarkeit belanglos anmutende Frage nach der Identität.

1 Die Erkenntnis, nach der ihre Negierung erfolgt. Ich sehe ein Paket und erkenne: Das Paket wird definiert durch seine abwesenden Bestandteile. Die wichtigsten Pakete kommen in ihrer eigenen Abwesenheit, in eigener Leere….

2 Wir sitzen bei Jan in der Küche und ich sage: Ich habe die Uhr gesehen, da fehlen Stunden. Lass mich raten, du hast sie Kindern zum spielen gegeben und sie haben einige Stunden abgekratzt.

3 Aus schwitzigem Schlaf aufgewacht, geballte Schul-Versagungs-Prüfungs-Tagungs-Träume die ganze Nacht, durchbrochen von vorsichtigen versuchen männlicher Hände auf meinem Hintern und im Traum tue ich so, als wachte ich auf.

4 Ein Klassenkamerad aus Grundschulzeiten [Daniel B] lässt mich unterschreiben, dass das Kofferanhängerschild benutzerfreundlich und gut konzipiert war. Zuerst glaube ich, ich sollte es zum zweiten mal bezahlen, drei euro, aber dann nein, nur unterschreiben…

5 Ich träume die Nacht durch von Ermordeten und Fluchten, von unsicheren Räumen in unsichere Räume. Ich versuche die Türen zu schließen. „Hier gehen die Türen nicht zu.“ , sagt die Nachbarin. „Stirbt man dann wenigsten nur einmal?“, frage ich, aber erhalte keine Antwort.

6 Mein Traumgesicht präsentierte sich mir im Profil. Es war, als sähe ich mich seitlich in einem Spiegel, vor dem ich gerade stehe. Aber da ist kein Spiegel, nur ein Spiegelbild meines Profils. Ich bin schön und es wunderte mich. Ich gehe über die verwunderliche Erkenntnis meiner Schönheit hinweg und erzählte Träume im Traum. Böden entfalten sich.

7 “Sollen wir etwas verstecken für später, für alle, damit noch eine Reserve da ist, falls es länger dauert mit der Rettung?”, fragt ein kleiner Junge. Ich überlege kurz und schüttele den Kopf: “Nein, wir teilen es so gut auf wie wir können. Es soll nichts versteckt werden. Dadurch entsteht nur Misstrauen!”

8 Wir begruben einige Freiwillige zum Winterschlaf in der Blumenerde. Die Gesichter ließen wir zur Hälfte frei, so dass sie noch atmen konnten.

9 Ein alter, ungewaschener Mathelehrer, der mir nachstellt… “Du hast gerade Gott ohne Gott erklärt!”, verkündet er laut und jedem begeistert:” Das hat noch niemand geschafft, nun ist mir die Bedeutung der Moral als Ausdruck unseres menschlichen Strebens nach Vollkommenheit endlich verständlich!” Er ist auch Maler. Ich sage: “ Das habe ich in ihrem Unterricht gelernt.” Und weiß nicht, ob ich Mathe meinte oder Malerei.

10 Gestern rette ich zwei Meerschweinchen das Leben, die in meiner Badewanne vergessen wurden und sich mehrere Stunden unter Wasser abstrampelten. Ihr ganzes Fell triefte, als ich sie heraushob und sie auf den trockenen Badewannenvorleger legte.