Annahme, schief gegangen. Ein Erfahrungsbericht.

von MaryamSamara

Immer wieder sage ich Dinge, die zu früh sind, gesagt zu werden. Das ist so eine ärgerliche Angewohnheit von mir.

Ich erkenne den Gedanken in mir und kommentiere ihn: Du sollst dich doch nicht über dich ärgern und: Urteile nicht!- und schon habe ich ein weiteres Urteil gefällt.

Es ist schwer, Gewohnheiten und Muster loszulassen, überhaupt Loslassen ist schwer, wissen wir ja, und so kommt es, dass jede Brücke mit Schlössern verunstaltet wird. Ich laufe über so eine Brücke und spüre mein Unbehagen, draußen zu sein.

Diese Menschen haben mir noch nie etwas getan, woher diese Unsicherheit, sollte ich nicht jetzt nach der erleuchtenden Lektüre mehr bei mir sein, sollte der Widerstand nicht verschwinden, wenn ich meine Gedanken und Gefühle beobachte? Und ich atme tief durch als die Ampel rot wird auf der Friedrichstraße, die ich mich entschlossen habe herunterzulaufen, nachdem ich mich spontan unter Nachwirkungen des Rausches an erleuchtenden Gedanken kurzfristig entschlossen hatte, ein Konzert zu besuchen zu dem ich über Facebook eingeladen war und als ich dann U Bahnhof Oranienburger Tor ausstieg auf mein Handy schauend, um die Adresse herauszusuchen, bemerkte, dass ich zwar zur richtigen Uhrzeit und am richtigen Ort befinde, aber am falschen Tag. Sowas kenne ich schon von mir, die Verplantheit und absichtlich liebevoll lächele ich mir zu und denke: Nun gut, die Sonne scheint, dann gehst du eben die Friedrichstraße lang, das wolltest du auch schon eine Weile tun. Also gehe ich die Friedrichstraße lang mit meinem Gefühl wieder entdeckter Achtsamkeit entlang zwischen lauter Touristen in Gruppen oder Paare.

Ich fühle mich verloren.

Mist!

„Du bist nicht verloren. Du brauchst nur ein wenig Übung. Das ist eine gute Möglichkeit zu üben“, sage ich mir und laufe, aber ich merke wie ich unantastbar starr werde. Es gibt neugierige Blicke, denen ich ausweiche, wenn ich diese Angst vor (negativer Beurteilung?, unangenehmen Bekanntschaften? Vor dem Unbekannten? …) nicht in diesem Leben verliere, dann…Ja, was dann?

Es ist schwer zu akzeptieren, dass man nicht akzeptieren kann, immer wieder stehe ich vor diesen merkwürdigen Verdopplungen und fast erwarte ich als ich an vielen Menschen, die redend auf dem Bürgersteig vor einer Kneipe stehen durchschlängele, um dann wieder an einer roten Ampel zu stehen-mittlerweile bin ich U Bahnhof Friedrichstraße-einen Moment lange erwarte ich, dass sie die Umgebung auflösen würde, wenn ich jetzt loslassen könnte.Ich würde mich sehr gerne hingeben, endlich aufhören meine unsichtbaren Kämpfe zu führen, wie ich nicht da sein will, wo ich bin, wie ich nicht die sein will, die ich bin, warum ich nicht akzeptieren kann, dass ich nicht akzeptieren kann.

Bewusst atmen. Mehrere Male. Hilft nicht.

Im Kopf und auch im Gefühl bin ich wirklich bereit, mich endlich von dem Schmerz, den die Existenz für Menschen wie uns mit sich bringt zu erlösen, ja, ich bin sogar bereit für Erleuchtung, die ich früher immer für langweilig hielt, da sie keinerlei Drama oder Leidenschaft kennt, die ich für ein Zeichen von Lebendigkeit hielt (Drama im weitesten Sinne, und wenn es das Drama des zurückgezogenen, ewig unverstandenen Genies ist).

Nun tausche ich jede Lust ein für Erleuchtung. Mein Ego gegen Frieden. Ich gebe auf, sage ich (natürlich nicht mitten auf der Straße, sondern später zu Hause). Alles, was ich noch will ist Frieden und die Gewissheit der Liebe. Ich bin sogar bereit meine Verbindungen zum Schmerz aufzugeben, die Solidarität mit dem Schmerz aller Menschen, dem Schmerz der Frauen, der Mütter, der Außenseiter, der Unterdrückten, Gefühle von kollektiver Verbundenheit, wenn man den Kummer in den Augen des anderen erkennt. Den Wunsch zu heilen. Ich will aufgeben. Doch der Wille bleibt stecken, irgendwo zwischen Herz und Bauch, er versteht noch nicht, sich einzulösen.

Tun, nicht wollen, ich weiß. Ich bin weiterhin achtsam, und vielleicht schaffe ich es morgen wenigstens anzunehmen, was ich nicht annehmen kann, denke ich am Abend.

„Geh nicht in die Zukunft, du sollst im Jetzt bleiben!“,-tadele ich mich und seufze: „Du sollst doch deine Gedanken nur beobachten und nicht verurteilen!“. Ich geb´ auf (für heute).