Geruch und Seele

von MaryamSamara

Früh am morgen, wenn der Geruch feuchter Erde, aufgehender Sonne und tausend verschiedener Planzen seinen Weg durch das Fenster bis zu deinem Bett findet,  durch eigene Verschlafenheit und der Flüchtigkeit des Dufts* die Illusion der gewohnten Wirklichkeit einen Augenblick aufgehoben, wie ein Laken das durch eine zarte Brise kurz hoch flattert und sich wieder legt.

Gerüche helfen; sie erinnern uns nicht nur an vergessene Lebensgeschichte.

Sie lassen sich wahrnehmen, ohne einen greifbaren Eindruck zu hinterlassen.

Sie lassen sich nicht fangen, bleiben flüchtig*1 und es ist, als würden sie sagen:

Wie kannst du das Leben so ernst nehmen, wo die Festigkeit doch nur in deinem Kopf ist.

Alles, was du wahrnimmst, innerlich und äußerlich, entspricht nicht der Wirklichkeit.

Du bist weder so fest gelegt, wie du glaubst, noch so verloren.

Aber bekämpfe nichts, unterdrücke nichts von dem, was du fühlst. Nimm es ganz wahr, ohne es für die (ganze) Wahrheit zu halten. Dann flüchtet das Drama und die Dringlichkeit. Nimm es ernst, ohne es zu ernst zu nehmen.

Für dich ist, was du wahr-nimmst (wahr). Und der erste Schritt ist das Wahrnehmen der Wahrnehmung, ohne Unterdrückung, die aus Angst entsteht. Und Angst entsteht, weil du glaubst, dass das die einzige Wahrheit ist und alles auf deine Wahrnehmung ankommt, ob dein kleines Leben gelingt oder nicht. (Klein im besten Sinne, nicht um dich zu erniedrigen.)

Deshalb musst du dir vertrauen, deinem Selbst-vertrauen, dass auch deine ernsten, ängstlichen Geschichten über die Welt ihren Sinn haben und ihren Platz, bzw. ein Platzhalter sind.

Deine Augen, Ohren und deine Hände haben dir das Gefühl von Festigkeit vermittelt und deine Seele, der Materie fremd ist, ist sehr stark beeindruckt worden von der Dichte der Dinge, den Gesetzen, der scheinbaren Isolation der Körper.

Es fällt ihr schwer ihrer eigenen Natur zu vertrauen, es fällt ihr schwer das Leben nicht als zu schwer zu empfinden, sie hält sich für inkompetent in weltlichen Fragen und hat die Verantwortung der Wahrnehmung übergeben.

Ermuntere sie,  in ihre eigene Intuition*3 der Verbundenheit und Leichtigkeit zu vertrauen.

In Wirklichkeit ist die Welt flüchtiger als jeder Geruch und das einzig Konstante die Seele.

 

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*nie kann man einen Geruch ganz fassen, er scheint immer eine Andeutung zu bleiben

*1 die Flüchtigkeit die weder von Fluch noch Flucht kommt, sondern von Flug und Leichtigkeit.

*2 das, was du für dich hältst.

*3 bzw. dem Gefühl, wie es eigentlich sein sollte.