Stimmen auf dem Weg zur Post

von MaryamSamara

Nein. Es machte ihr keinen Spaß den Weg gehen zu müssen, um an ihr Ziel zu kommen. Wenn sie ehrlich war, dann wollte sie gleich dort sein. Die Schönheit der langsamen Entfaltung war zu sehr mit Mühe verbunden und sie war eigentlich immer noch zu müde für das Leben.

Manchmal kam es ihr vor als sei sie eine Leichtigkeit und Mühelosigkeit aus einem vorigen Leben gewohnt gewesen und die Last der Materie drückte sie nun mit voranschreitenden Jahren mehr und mehr.

So als würde sie die Festigkeit wie ein Magnet anziehen und das wiederum hatte paradoxerweise etwas mit der Leichtigkeit ihrer Seele zu tun, die sonst davonfliegen würde, wenn sie es nicht schaffte, in dieser merkwürdigen Welt zu verankern.

Sie wünschte sich tiefen Frieden, oder zumindest das Gefühl von Erleichterung: Jetzt, Sofort.

Und obwohl sie verstand, dass dieser Frieden immer nur im jetzigen Moment erfahrbar war, war ihr bewusst, dass das „Jetzt, sofort!“ nicht der richtige Ansatz war, denn er beinhaltete den Widerstand gegen die Tatsache, dass sie noch auf dem Weg war und nicht am Ziel.

„Wenn ich doch nur akzeptieren könnte, dass ich nicht akzeptieren kann.

„Und manchmal gelang ihr mit dieser Gedankenbrücke die Akzeptanz des Weges inklusive ihrem Wunsch, schon am Ziel zu sein.

Und wenn sie den Weg nach irgendwohin ging und bemerkte, dass sie in Gedanken schon mindestens 100 Meter voraus war, dann erinenrte sie sich:

Es gibt nichts als diesen Moment. Jetzt. Hier. Es gibt nur dieses hier. Alles andere ist in deinem Kopf und ob du diesen Moment magst oder nicht ist deine Entscheidung, aber es würde dir vieles einfacher machen, wenn du dich entscheidest, den Moment zu mögen, selbst wenn du frierst, aufs Klo musst oder dir langweilig ist.

Und dann mischte sich meist eine Stimme ein, die sie Erzieherstimme nannte, die ihr schon seit Jahren versuchte Dinge beizubringen, mit wie sie fand eher bescheidenem Erfolg:

Andere Menschen erleben wirklich schlimme Sachen, du hast überhaupt keinen Grund, dich zu beschweren.

Aber anstatt Dankbarkeit überkam sie an der Stelle immer ein Gefühl des Grauens und der Trauer für diese anderen Menschen und der Gedanke, dass das Leben zu schmerzhaft ist, kollektiv betrachtet. Denn  der Schmerz war zwar etwas, dessen Wert sie mit einer Distanz schätzen konnte, aber da ging es nur um ihre eigenen Erfahrungen von Schmerz, der ihr im Vergleich zu dem vieler anderer auf der Welt wie ein verwöhntes Kind vorkam, dass schon anfängt zu schreien, wenn der Arzt die Spritze gerade mal in der Hand hält und dennoch so schlecht von ihr auszuhalten geschweige denn zu akzeptieren; die Vorstellung dass es nur viel größeres Leid geben könnte war für sie nicht wirklich fassbar oder  gedanklich auch nur auszuhalten.

„Halt doch einfach den Mund!“, sagte sie dann dieser Erzieherstimme und unmittelbar danach fiel ihr ein, dass das doch ziemlich unfreundlich war und auch diese Stimme es wahrscheinlich nur gut meinte und fügte deshalb schnell hinzu: „Danke, dass du mir helfen willst, dankbar und zufrieden zu sein.“

Und als sie die Post fast erreicht hatte, fiel ihr auf, dass sie sich kaum befangen fühlte zwischen all den anderen und das freute sie, das Gefühl  nahe am Ziel zu sein.

Und es ärgerte sie nicht mehr so sehr, dass sie nicht aufhören konnte „nah oder weit vom Ziel“ zu denken, gut oder schlecht…